Lustvoll lieben und zusammenleben oder totale Harmonie und Langeweile?

8. September 2020

Viele Menschen können Streit und Meinungsverschiedenheiten nicht ertragen. Absolute Harmonie ist für sie der Garant für eine gute Beziehung. Nach einer gewissen Zeit wachen sie in einer Beziehung auf, die von Langerweile geprägt ist. Der Sex und das Feuer sind schon längst erloschen. Dann passiert es oft, dass einer der beiden ausbricht und eine Affäre beginnt. Es heißt dann: „Wir haben uns nie gestritten. Unsere Beziehung war doch so gut und ausgeglichen. Ich verstehe das gar nicht.“

Die Physik erklärt es ganz schlicht. Für eine Ladung sind Plus und Minus nötig. Erst dann entsteht Spannung. Und Spannung ist für ein lustvolles Liebesleben genauso wichtig wie Harmonie.

Absolute Harmonie ist eine Scheinharmonie, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Wenn sich zwei Menschen finden kommen verschiedene Ansichten, Werte und Lebenswünsche zusammen. Diese müssen auf den Tisch, geordnet und auch diskutiert und ausgestritten werden. Gibt es dazu keine Möglichkeit, da einer oder auch beide Partner sich nicht in den Ring begeben, entsteht ein Schwelbrand, der zu immer mehr Unzufriedenheit und schließlich zur Trennung führt, da sich meist einer zurückzieht, aus der Nähe geht oder sich auswärts orientiert.

Natürlich fühlen sich Konflikte nicht so gut an wie das Erlebnis von Nähe und Verbindung mit dem Partner. Doch ich möchte Ihnen Mut machen, denn es lohnt sich.

Gehören sie zu den Menschen, die Konflikte offen angehen, diskutieren und besprechen wollen? Vielleicht kennen sie sogar das Gefühl, gerade nach einem Streit mit dem Partner, besonders viel Nähe und Verbindung zu spüren und große sexuelle Lust zu empfinden?

Oder gehören sie zu den Menschen, die jedem Konflikt und Streit aus dem Weg gehen möchten, immer das Gefühl haben, dass der andere anfängt, was sie sehr nervt und sie am Ende davonrennen? Konflikte sind ihnen so unangenehm, dass sie Beziehungen sofort beenden, wenn es zu energetischen Auseinandersetzungen kommt?

Wenn, oben genannte, zwei Typen von Menschen zusammenkommen, wird es schwierig, denn der eine versucht in den Ring zu gehen und die Themen offen anzusprechen und der andere blockt. Das ist ein häufiges Thema in Paarbeziehungen. Einer von Beiden läuft ständig gegen eine Wand, fühlt kein Gegenüber mehr und schaut dem immer wieder weglaufenden Partner hinterher. Konflikte können so nicht ausgetragen werden und es stellt sich Unzufriedenheit und Disharmonie ein, obwohl Harmonie gewünscht ist. Nach und nach staut sich die Energie der Auseinandersetzung, die nicht geschieht. Immer kleinere Dinge fangen an zu nerven. Am Ende kommt es zur Explosion, die beide trennt.

Doch auch der Partner, der ständig versucht wegzulaufen, fühlt sich nicht wohl. Er spürt Druck, sich öffnen zu müssen, seine Gefühle zu fühlen und zu zeigen. Genau davor läuft er auch weg. Von diesem Teil des Paares höre ich dann oft: „Ich mache mich doch nicht ständig nackig und breite mein Inneres aus! Ich möchte doch nur Harmonie und ein schönes Leben mit meinem Partner.“

Aber genau so erreichen wir keine Harmonie. Schauen wir doch mal in die Natur. Sie macht uns so einiges vor. Wie entsteht ein Gewitter? Es treffen verschiedene Luftschichten aufeinander, die sich in Blitz und Donner entladen. Es regnet am Ende und wäscht damit alles alte und unsaubere weg. Nach dem ganzen Zauber können wir klare und frische Luft spüren. So ist es auch mit Konflikten. Zwei unterschiedliche Ansichten treffen aufeinander, Plus und Minus. Darf es wirklich zur Entladung (und damit meine ich keine körperliche oder verbale Gewalt) kommen, dann reinigt sich die Luft und Klarheit, Verstehen und Verbindung entstehen. Die Liebe wird wieder gespürt und manchmal kommt es danach zu unvergesslichen, tiefen und verbindenden sexuellen Erlebnissen.

Sex lebt von der Spannung und nicht von der Harmonie. Ewiges Harmoniestreben ist die Sackgasse.

Harmonie ist angenehm und im Alltagsleben eine gute Sache. Aber Entwicklung gibt es nur durch verschiedene Meinungen. Liebt man sich und ist sich nah, kann ein Streit unglaublich viel für die Partnerschaft bewirken. Es gibt einfach Themen, die müssen ausgestritten werden, da sie sonst im Untergrund weiterwirken und zur Bombe werden können. Man verändert sich und auch die Partnerschaft verändert sich. Es gibt Entwicklung. Die Beziehung lebt. Immer nur Harmonie führt früher oder später zum Stillstand der Beziehung. Vor allem im Bett ist ständige Harmonie der Garant für Langeweile.

In der Beziehung und auch im Bett geht es um Gegensätze, zwei verschiedene Geschlechter, um Macht und Anerkennung, Hingabe und Unterwerfung, Nähe und Distanz, Scham und Schamlosigkeit, um Grenzen und Tabus. Der Orgasmus lebt von der körperlichen Spannung, nicht von der Entspannung. Ohne Streit und Auseinandersetzungen gibt es keine Gegensätze mehr, die sich wieder neu verbinden können. Es gibt in unserem Leben nicht nur Kuscheln und Harmonie. Wir wollen lebendig sein, uns raufen und austoben, nichts zurückhalten. Das ist Leben.

Passen wir uns an, aus Angst sonst nicht richtig zu sein und verlassen zu werden, ist das schon die Zielgerade zum wirklichen Ende der Beziehung. Ja, es gibt das Risiko und wir müssen die Unsicherheit in Kauf nehmen, dass uns der Partner nicht verstehen und lieben kann, wenn wir uns zeigen, wie wir wirklich sind, in all unseren Eigenheiten, Wünschen und Werten. Aber es ist die Grundvoraussetzung für eine offene, ehrliche, tiefe und leidenschaftliche Beziehung und erfüllende Sexualität.

Nun möchte ich mit ihnen noch ein wenig in die Geschichte schauen. Woher kommt die Neigung vor Gesprächen und Konflikten in Beziehung wegzulaufen? Wie sich später ein Mensch in seinen Paarbeziehungen verhält, lernt er schon früh in der Kindheit.

Wenn sich die Mutter (bei Männern) oder der Vater (bei Frauen) sehr kontrollierend, bestimmend und Druck machend verhalten hat, wird sich der Mensch später durch den Partner auch schnell unter Druck gesetzt und kontrolliert fühlen. Weglaufen ist dann die scheinbar einzige Chance (jedenfalls gefühlt), um seine/ihre Freiheit zu erhalten, was allerdings keine wirkliche Freiheit darstellt und mit Schmerz und noch mehr Konflikten verbunden ist. In den Partner wird der Elternkonflikt projiziert. Das Kind von damals hat sich machtlos gefühlt und nun wird versucht die eigene Macht wieder herzustellen. Indem er sich aus dem Staub macht, nicht reden möchte oder weg läuft, befindet er sich wieder in der mächtigeren Position.

Haben sich Mutter oder Vater selbst keinen Konflikten gestellt und das Kind hatte ständig das Gefühl nicht gesehen und gehört zu werden, wird der Mensch sich später sehr dafür einsetzen, Dinge zu regeln und endlich Gehör zu bekommen. Nur kann man das beim Partner eben nicht erzwingen.

Wenn die Beziehung sich zum Guten wenden soll, müssen Beide bereit sein, sich die alten Verletzungen anzuschauen, daraus zu lernen und neue Verhaltensweisen zu entwickeln. Macht sich nur einer auf den Weg und der andere verharrt in seinen alten Mustern, reicht es meistens nicht.

Da es sich um tiefe Verstrickungen handelt ist der neutrale Blick und die Hilfe von außen nötig. Selbst wenn es immer wieder zu Konflikten kommt, weil diese nicht bereinigt werden, da einer der Beiden dicht macht, gibt es sicherlich auch viele verbindende und wunderschöne Gemeinsamkeiten. Leider fallen diese dann all zu oft aus dem Blickfeld und man sieht nur noch das negativ erscheinende.

Dann ist es wichtig die Augen wieder für die schönen Dinge zu öffnen, das Schöne am Partner neu zu entdecken. Schließlich hat sie die Liebe zusammengeführt.

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"Es ist leichter Probleme zu lösen, als mit ihnen zu leben."

Teilhard de Chardin